Test Nebula 4000 Lite

Es gibt Produkte, die funktionieren Out-of-the-Box, und es gibt andere. Der Nebula 4000 Lite 3-Achsen-Stabilisator von Filmpower zählt zur zweiten Kategorie. Warum ich diesen dennoch behalten habe, zeigt der nachfolgende Bericht.

Schöne Kamerafahrten und verwackelungsfreie Videos sind seit jeher der Wunsch eines Videofilmers. Hierfür gibt es unterschiedliche Lösungen; mechanische SteadyCams, elektronische Bildstabilisatoren, Stabilisierung im Postprocessing, Schulterstative und Gimbals (kardanische Aufhängung), die seit dem kometenhaften Aufstieg der Drohnenindustrie eine große Popularität erlangt haben. Jedes dieser Systeme hat Vor- und Nachteile. So entstehenden bei elektronischen Bildstabilisatoren im Objektiv oder im Kameragehäuse manchmal merkwürdige Wobbling-Effekte am Bildrand, die einfach nicht professionell wirken und auch nicht durch Postprocessing auszubügeln sind. Um die Blende bei schlechten Lichtverhältnissen zu verlängern ist das System gut, aber stabile Kamerafahrten beim Laufen sind mit diesem System nicht möglich. Mechanische SteadyCams sind zwar günstig, aber teilweise unhandlich zu bedienen – der Bildausschnitt ist nicht da wo er ist oder hin soll. Ein aktiver 3-Achsen-Bildstabilisator mit einer Follow-Me-Funktion bietet hier ganz andere Möglichkeiten.

Nebula 4000 Lite von Filmpower

Der Nebula 4000 Lite von Filmpower ist einer der ersten handgehaltenen Gimbals für Actionkameras, Kompaktkameras, kleine DSLRs oder DSLMs. Geliefert wird der Gimbal in einem Hardplastikcase, inklusive Ladegerät. Der Akku ist im Handgriff verbaut und bietet 30 Minuten Stabilisierungsvergnügen. Der Webauftritt von Filmpower ist sehr rudimentär, und man fragt sich, ob es sich hier um einen ernst zu nehmenden Zubehörlieferanten handelt oder um ein Startup. Die Komponenten sind aus Aluminium gefräst und schwarz eloxiert. Sie lassen das Herz einen jeden Maschinenbauingeniers höher schlagen.

Kameramontage

Auch bei mir generierte ein schnelles Ausprobieren erst einmal Frust. Ist die Kamera nicht voll in Balance, spielen die Ausgleichsmotoren verrückt. Für die Montage und das Ausbalancieren der Kamera ist es empfehlenswert, Schritt für Schritt die Anleitung zu befolgen. Hat man diese Hürde genommen, sind die Kamera und damit das Bild schön stabil, Kamerafahrten sind butterweich. Top!

Feinjustierung

Nachdem ich ein paar Kamerafahrten ausprobiert habe, zeigte es sich, dass das System nicht optimal konfiguriert ist. Im Wechsel der Modi entstand manchmal ein nervöses Rütteln, das ich nur durch Aus- und wieder Einschalten behoben konnte. Im Mode 2 möchte der Nebula “Über-Kopf-Fahrten” nicht – die Pitch-Achse schüttelte sich, wenn der Winkel mehr 45° beträgt.
Für die Feinjustierung gibt es die Software Simple-BCGGui, die Java voraussetzt. Das Experimentierherz schlägt hier höher, jeder Parameter lässt sich hier gut einstellen. Immerhin muss man nicht mit Kommandozeilen arbeiten oder Teile der Software umschreiben, um den Nebula 4000 Lite fein einzustellen. Dennoch kann man hier viel kaputtmachen und es ist empfehlenswert, zunächst umfangreiche Erklärvideos in Youtube zu studieren. Die Verbindung zwischen Nebula und PC/Mac erfolgt per Bluetooth. Es gibt auch noch einen Stecker für einen USB Anschluss, der allerdings nicht dokumentiert ist. Das Kabel wird ohnehin nicht mitgeliefert.
Nach ein, zwei Stunden tüfteln, konnte ich das Rütteln durch Heruntersetzen der Motorkraft abstellen. Das finde ich erstmal nicht ganz logisch, aber es funktioniert. Im statischen Setup ist mir ein Kriechen in der YAW-Achse aufgefallen, das ich noch nicht beheben konnte, auch nicht durch Rekalibrierung der Gyros und der Motoren. Auch bleibt bei schnellen Schwenks der Horizont eine Weile schief, d.h. die Roll-Achse normalisiert sehr langsam. Ich habe mich noch nicht an die PID-Regler herangewagt, aber vermutlich kann ich hier noch das eine oder andere Quentchen an Performanceverbesserung herausholen.

Ergonomie & Handling

Ich habe mir direkt angewöhnt, die Kamera und den Nebula 4000 Lite an Ort und Stelle zu montieren. Dafür ist eine gerade Ebene zum Abstellen des Gimbal vorteilhaft. Ein Minstativ unter dem Gimbal erleichtert das Ausrichten, ist aber nicht unbedingt notwendig. Das erneute Ausbalancieren dauert weniger als 1 Minute und dann kann man mit dem Filmen loslegen. Ich schalte den Nebula 4000 Lite erst an, wenn alle Achsen in der Nullposition sind, um ein paar Startrüttler zu vermeiden. Das gilt auch für das Umschalten der Modi.
Sicherlich kann man auch die Kamera vormontiert in einer Kameratasche transportieren. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass selbst dann noch Justagen notwendig sind, bevor die Aufnahme gestartet werden kann.
Auch nach einer Stunde Tragen wird der Nebula 4000 Lite nicht zu schwer (mit 580 gr Kameragewicht). Der Handgriff hätte noch ein wenig ergonomischer ausgeführt werden können, ist insgesamt aber recht griffig und die Bedienelemente können leicht erreicht werden.
Das Ein-/Ausschalten der Videofunktion der Kamera bewirkt manchmal einen initialen Rüttler, der aber meist sofort verschwindet. Es ist durchaus vorteilhaft, die Kamera über Wifi zu steuern, da erstens das Display ohnehin verdeckt ist und zweitens Focus und Start/Stop der Aufnahme bequem ferngesteuert werden können, ohne durch ein Drücken auf der Kamera den Nebula aus dem Tritt zu bringen. Mir ist das dann doch zuviel Technik und so arbeite ich (aktuell noch) ohne ein 2. separates Display.
Aufgefallen ist mir auch noch, dass der YAW-Motor ein bisschen schwergängiger oder diskreter läuft als die anderen beiden. Man merkt das am Handgriff. Ich weiß nicht, ob das nur bei meinem Modell ist, oder weil der YAW-Motor wegen des Hebels ohnehin stärker ausgelegt ist. Für das Filmen bringt das keine Nachteile.

Praxiserfahrung

Ich habe zwei Ausflüge mit dem Nebula 4000 Lite gemacht, wobei es darum ging, spazieren gehende Personen von vorne, von hinten und von der Seite zu begleiten, frei lebende Tiere zu filmen oder Gebäude, Schiffe oder ähnliches in 4K zu bannen.
Der erste Ausflug bescherte im Postprocessing durchweg positive Ergebnisse. Ruckler kamen relativ selten vor, Kamerafahrten auch beim Rückwärtsgehen sind butterweich. Für das Ein- und Ausschalten des Nebula war es allerdings vorteilhaft, diesen auf einer geraden Ebene abzustellen.
Der zweite Ausflug war leider vom Ergebnis ein wenig durchwachsener. Ich hatte zusätzlich ein externes Mikrofon montiert (84 gramm). Wegen des hohen Schwerpunkts kommt das Ausbalancieren an seine Grenzen, obwohl das Gesamtgewicht der Kamera mit 660 gramm noch recht moderat ausfällt. Der Schwerpunkt liegt relativ hoch. Zusätzlicher Wind und ein zu schwach eingestellter Motor in der Pitch-Achse brachten Probleme mit sich. So kam der Nebula häufiger aus dem Tritt. Die zu geringe Motorleistung läßt sich on-location nicht beheben (es sei denn man hat einen Laptop dabei)..

Verbesserungspotenzial

Eine detaillierte Anleitung zum ersten Einrichten wäre wünschenswert gewesen. So hat das Produkt an manchen Stellen noch Beta-Charakter, anstatt ein vollwertiges, professionelles, massentaugliches Serienprodukt zu sein. Gut, für die Masse ist das eh noch nicht, wenn man so etwas möchte, kauft man das, aber dennoch …
Besonders verbesserungswürdig ist das Anpassen des Schwerpunkts – herfür wird ein kleiner Inbusschlüssel benötigt, um jeweils 4 (!) Schrauben zu lösen und wieder anzuziehen. Produkte der 2. Generation haben hier einen Klemmhebel – ideal bei unterschiedlichen Kameras oder diversen Kamera-Objektiv Kombinationen. Aktuell benutze ich nur eine Kamera mit Weitwinkelobjektiv, so stört mich das weniger.
Weiter zeigt der Nebula in der YAW-Achse ein unerklärliches langsames Kriechen, das ich bis jetzt nicht abstellen konnte.
Ein wenig verwunderlich ist, warum 4 von 5 Gimbal Anbieter das Produkt so auslegen, dass ein Ausklappen des Displays für eine gute Sicht nicht möglich ist. Vermutlich liegt das daran, dass das Klappdisplay den Schwerpunkt unnötig verschiebt und so ein Stabilisieren noch schwieriger gestaltet. Oder sie gehen davon aus, dass man ein externes Display anschließt, entweder per Wifi oder per flachem, leichtem HDMI Kabel (z.B.: dies).

Vergleichbare Produkte

Der Nebula 4000 Lite ist seit 2014 auf dem Markt, und seitdem sind einige Hersteller auf den Zug aufgesprungen, handgehaltene Gimbals anzubieten. Für mich war der Preis ausschlaggebend, der Nebula ist mehr als ein Drittel günstiger als vergleichbare Lösungen. Weitere verfügbare 3-Achsen-Stabilisatoren sind

Auf der NAB 2016 wird aktuell auch der Nebula 4100 Lite vorgestellt, der offensichtlich der kleine Bruder des Nebula 4200 Lite ist. Beide sind wohl eine Art kleine (4100) und große (4200) Variante als Nachfolger des Nebula 4000 Lite.
Der Nebula 4000 Lite ist ein Produkt der 1.Generation. So bietet er eine vergleichsweise moderate Akkulaufzeit, er hat keinen Joystick für Pitch/Roll, und kein werkzeugloses Klemmen – hier haben Modelle der 2.Generation mehr zu bieten. Für mich ist das ok, da ich den Einstieg in stabilisiertes Filmen gesucht habe.

Fazit

Der Nebula 4000 Lite ist kein Produkt zum direkt loslegen, und manchmal verhält sich das Produkt wie eine Diva. Denn trotz umfangreicher Konfiguration und Optimierung, schütteln sich manchmal noch die Motoren. Da hilft nur Ausschalten und wieder neu Einschalten. Auch das Wechseln von Mode 1 zu Mode 2 im laufenden Betrieb macht manchmal Probleme.
Dennoch möchte ich den Nebula 4000 Lite nicht mehr missen. Kamerafahrten sind butterweich, und mit einer 4K Kamera sind die Aufnahmen beeindruckend brillant und professionell.

Links

Einige Berufsfotografen haben sich das Produkt genau angesehen und ihre Erfahrungen auf Youtube gestellt:

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *